„Der Smart-Living-Markt steht an einem richtungsweisenden Punkt.“

Prof. Dr. Oliver Thomas leitet den Forschungsbereich Smart Enterprise Engineering beim DFKI. Der ForeSight-Teilprojektleiter spricht mit uns über die im Rahmen von ForeSight veröffentlichte Smart Service Studie, die Chancen intelligenter Services in Wohngebäuden und die Werkzeuge, die Unternehmen dabei unterstützen, eigene Services am Markt zu platzieren.
Prof. Oliver Thomas

Herr Prof. Thomas, am DFKI leiten Sie den Forschungsbereich Smart Entreprise Engineering und entwickeln innovative Methoden für den Einsatz von Smart Products, Smart Services und Smart Systems. Warum spielen dabei eine interdisziplinäre Ausrichtung und ein betriebswirtschaftlicher Blickwinkel eine so große Rolle?

Kunden, sowohl im B2C- als auch im B2B-Kontext, erwarten heute ganzheitliche Lösungen. Das Interesse an losgelösten Produkten oder Dienstleistungen nimmt ab. Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten, diese Verknüpfung zu realisieren, sie muss dazu aber aktiv gestaltet und darf nicht nur als „Enabler“ verstanden werden. Diese Entwicklung ist ein wesentlicher Paradigmenwechsel im Vergleich zum früheren Verständnis, in dem beispielsweise Hersteller ihre Aktivitäten vollständig auf die Entwicklung und Fertigung neuer Produkte ausgerichtet haben. Heute haben diese Unternehmen ebenso Abteilungen zur Software- oder Dienstleistungsentwicklung. Beispiele gibt es viele: Vom Automobilhersteller, der jetzt auch das Schließen aller Fenster per App ermöglicht, bis zum Maschinenbauer, der Predictive Maintenance zur Früherkennung von Ausfällen anbietet. Bereits dieser vermeintlich einfache Dreiklang aus Produkten und Services, die durch IT integriert werden, macht jedoch den großen Bedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit deutlich. Ingenieure, Software- und Service-Entwickler, Data Scientists und Marketeers müssen zielgerichtet kollaborieren, um eine ganzheitliche Lösung zu gestalten und dem Anspruch „One Face to the Customer“ zu entsprechen, damit die Erwartungen des Kunden an den Mehrwert des Angebots erfüllt werden. Die Frage nach der betriebswirtschaftlichen Tragfähigkeit bzw. dem Geschäftsmodell ist dabei in den Vordergrund zu rücken und muss sich in die Gesamtstrategie des Unternehmens einfügen.

Diesen Wandel, sowohl von einzelnen Angeboten als auch von ganzen Unternehmen, zu gestalten und zu unterstützen, ist das Ziel meiner DFKI-Forschungsgruppe Smart Enterprise Engineering. Die Entwicklung von Werkzeugen, mit denen Unternehmen dazu befähigt werden können, innovative Geschäftsmodelle umzusetzen und damit von der Digitalen Transformation zur „Smart Enterprise“ zu profitieren, ist dabei ein zentraler Bestandteil. Die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz wird dabei von uns betont, jedoch nicht zum Selbstzweck, sondern stets als Mittel zum Zweck und damit als Werkzeug zur Erreichung der genannten Ziele.

Bei ForeSight sind Sie und Ihr Team für das Thema „Smart Service Engineering und Geschäftsmodelle“ verantwortlich. Was setzen Sie derzeit im Forschungsprojekt konkret um?

Die eben beschriebene Leitfrage, welche Werkzeuge Unternehmen für die erfolgreiche Digitale Transformation benötigen, begleitet natürlich auch das Projekt ForeSight. Gepaart mit dem Know-how zu Smart Services und KI ergeben sich Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle. Aufbauend auf diesem Wissen und der Erfahrung aus verschiedenen Branchen erarbeiten wir mit den Partnern Methoden, Konzepte und Prototypen, die Smart Services in der Smart-Living-Domäne möglich machen. So sind beispielsweise Vorgehensmodelle für die Entwicklung und den Betrieb von KI-Systemen entstanden oder ein Plattform-Framework und Ansätze zur Bewertung von Ökosystemen und der Vertrauenswürdigkeit von KI-Systemen. Besonders präsent ist das Teilprojekt durch die Workshopreihe zu Geschäftsmodellen, die Unternehmen Möglichkeiten für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle geben soll. Erwähnenswert ist ebenso die Implementierung einer sogenannten Service Registry und eines Smart Service Analyzer. Beide Tools stellen technische Werkzeuge für die Entwicklung von Smart Services dar. Die Entwicklung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem ForeSight-Projektpartner Strategion GmbH und zeigt, wie wichtig zukünftig das Konfigurieren von Smart Services zu neuen Angeboten für Unternehmen wird. Die Ergebnisse werden durch eine umfangreiche Studie zu Smart Services flankiert, welche das Ökosystem Smart Living analysiert und konkrete Anhaltspunkte zur Entwicklung intelligenter und innovativer Dienste liefert.

Prof. Oliver Thomas

Das ist ein gutes Stichwort. Im Rahmen von ForeSight haben Sie erstmals Unternehmen und private Nutzer zu ihren Anforderungen an Smart-Living-Services und deren Entwicklung befragt. Die Ergebnisse der Smart-Service-Studie liegen nun auch vor. Wie stehen die Befragten zu den Smart-Living-Angeboten?

Die wichtigste Erkenntnis, insbesondere für Deutschland, ist, dass der Smart-Living-Markt an einem richtungsweisenden Punkt steht. Konsumenten erkennen langsam die Mehrwerte, die auch über den „Gadget-Charakter“ bisheriger Smart-Home-Angebote hinausgehen. Die aktuelle Energiekrise und damit verbundene Bestrebungen und Möglichkeiten, Energieverbräuche nachhaltig zu senken, zeigen dies eindrücklich. Es bestehen zwar nach wie vor Vorbehalte, beispielsweise in Bezug auf den Datenschutz, denen jedoch mit Transparenz über die Angebote begegnet werden kann. Das Marktpotenzial ist demnach beträchtlich. Die Unternehmen erkennen diesen Trend, sehen aber auch die großen Herausforderungen, die aus der neuen Komplexität resultieren. Die Frage ist nun, ob insbesondere der deutsche Markt es schafft, das eingangs beschriebene Produktgeschäft durch digitale Geschäftsmodelle zu erweitern und damit zu Anbietern von Smart Services zu werden. Anbieter aus anderen Ländern folgen diesem Weg bereits länger und sind damit sehr erfolgreich.

Wenngleich in der Studie Konsumenten und Unternehmensvertreter gleichermaßen befragt wurden, lag der Fokus auf der Unternehmensperspektive. Entsprechend wurde, ganz im Zeichen des Smart Service Engineering, auch auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Unternehmen bzw. Branchen eingegangen. Dazu sind verschiedene Entwicklungsmethoden und -phasen Teil der Befragung gewesen, um Schnittmengen für zukünftige Vorgehensweisen zu identifizieren. Unterschieden wurde dabei beispielsweise zwischen Produkt-, Software- und KI-Vorgehensweisen. Dabei hat sich gezeigt, dass im Großen und Ganzen Einigkeit über die Abfolgen von Aktivitäten herrscht, diese jedoch sinnvoll kombiniert werden müssen. Die angesprochene Komplexität eines Angebotes wird dadurch zwar nicht reduziert, aber der Abstimmungsaufwand und die Kommunikation wesentlich verbessert. Das fachliche Know-how bringen alle Unternehmen mit.

Natürlich stecken noch viele weitere spannende Aspekte in den Ergebnissen. So sind die Bildung von Ökosystemen in Anlehnung an Gaia-X, die Rolle von KI oder mögliche wirtschaftliche Kooperationsmodelle thematisiert worden. Viel mehr möchte ich an dieser Stelle aber nicht vorwegnehmen, sondern jeden einladen, selbst einen Blick in die Studie zu werfen. Insgesamt sind die Ergebnisse in 13 Thesen eingeflossen, die einen guten Überblick geben. Die Studie kann auf der Website von Strategion/DFKI heruntergeladen werden.

Prof. Oliver Thomas

Die Ergebnisse der Smart-Service-Studie sollen auch Anwendung in der sogenannten Service Registry finden. Was genau können wir uns darunter vorstellen?

Die Service Registry ist ein Werkzeug für Unternehmen, um eigene Dienste im Ökosystem bekannt zu machen und andere Dienste, die man nutzen möchte, zu finden. Damit kann man sie in Grundzügen als eine Datenbank beschreiben, in der Informationen über alle im Ökosystem vorhandenen Services gespeichert sind, womit sie dem Grundgedanken des „Gaia-X Catalogues“ entspricht. Dieses Konzept haben wir für Smart Living adaptiert und bereits beim Digitalgipfel 2020 in unterschiedliche Demonstratoren eingebracht. So werden (Smart-Living-spezifische) Metadaten über die Dienste gespeichert, wie beispielsweise Anbieter, Funktionen, digitale Endpunkte oder Informationen über die Vertrauenswürdigkeit von KI-Services. Service-Entwickler können diese Informationen nutzen, um passende Dienste zu identifizieren, die sie für neue, eigene Angebote benötigen. Sobald ein neuer Dienst verfügbar ist, tragen die Anbieter die Informationen in die Registry ein und machen sie damit der Öffentlichkeit bekannt.

Die Registry ist darüber hinaus durch eine weitere Komponente erweitert worden, den Smart Service Analyzer. Dieser interpretiert das gesamte Ökosystem als ein Netzwerk, das durch die Relation der einzelnen Services beschrieben wird. Diese Interpretation kann einerseits zur Visualisierung genutzt werden, andererseits erlaubt sie die Analyse des gesamten Ökosystems und einzelner Services unter verschiedenen Gesichtspunkten. Daraus kann beispielsweise die Relevanz eines einzelnen Services für das Ökosystem bestimmt werden, abhängig von der Häufigkeit seiner Nutzung von anderen Diensten. Verknüpft man diese Information mit der Visualisierung, ergibt sich ein nützliches Werkzeug für das Smart Service Engineering. Zum einen ermöglicht es die Planung oder Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen. Zum anderen kann es für die Konfiguration konkreter Angebote genutzt werden, die durch die Anbieter vorgenommen wird.

Ziel soll auch die Erstellung einer übergeordneten Entwicklungsmethode für Smart Services in Smart Living sein. Welche Methoden kommen im Rahmen von ForeSight in Frage?

Es wäre falsch, hier von der „einen“ Lösung bzw. Methodik zu sprechen. Ähnlich wie bei den Angeboten, die sich von standardisierten Produkten zu individuellen Lösungen entwickeln, müssen auch die zur Entwicklung verwendeten Methoden diesem Wandel Rechnung tragen. Entsprechend muss es das Ziel des Smart Service Engineering sein, der eingangs besprochenen Interdisziplinarität gerecht zu werden und der Smart-Living-Branche einen Werkzeugkasten mit zielführenden Tools an die Hand zu geben. Das hat unter anderem auch die Studie gezeigt. Im Rahmen des Projektes sind entsprechende Methoden entstanden, die beispielsweise bei der Gestaltung von Lebenszyklusmodellen in Datenökosystemen oder Plattformkonzepten für KI-basierte Smart Services unterstützen.

Ein wichtiger Aspekt ist dabei jedoch noch nicht berücksichtigt: wann diese Methoden von wem wie genutzt werden sollen, um die Entwicklung bestmöglich zu unterstützen. Es ist in der Vergangenheit häufig versucht worden, das Zusammenspiel dieser einzelnen Methoden im Sinne eines übergeordneten Vorgehens wissenschaftlich in einem Ansatz zu vereinen. Diese Modelle sind jedoch häufig generisch aufgesetzt worden, somit von hoher Abstraktion geprägt und für Unternehmen nur schwierig einzusetzen. Insbesondere die Wirtschaftsinformatik als anwendungsnahe Forschungsdisziplin ist hervorragend geeignet, den Spagat zwischen allgemeinen Erkenntnissen und betrieblicher Praxis zu meistern. Denn die Individualität von Unternehmen, Verbünden und den resultierenden Angeboten ist nicht zu unterschätzen und muss jedes Mal neu bewertet und begleitet werden.

Alle Methoden vereint unabhängig davon ein zentraler Gedanke: Service first! Die Betonung der Geschäftsmodelle und des möglichen Kundennutzens rückt mit dem Smart-Service-Gedanken in den Vordergrund. Wir haben viel zu häufig in Deutschland oder im europäischen Kontext technologische Konzepte oder Produkte erfunden und sie dann nicht entsprechend kommerzialisiert. Was für Fax, Computer oder den mp3-Standard gilt, soll nicht auf die Smart-Living-Branche übertragen werden können. Mit unseren Ergebnissen in ForeSight leisten wir aus der angewandten Forschung heraus damit einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung und damit auch zur Kommerzialisierung innovativer Smart-Living-Services.

Prof. Thomas, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

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